Blog-Beitrag

Mit Bodybuilding Geld verdienen?

Von 23. Februar 2020Februar 24th, 2020 Keine Kommentare

Zu den für Sonja und mich sehr fragwürdigen Thesen der schillernden Bodybuilding-Welt zählt die absurde Vorstellung, man könnte seinen Lebensunterhalt ausschließlich mit Bodybuilding bestreiten. Als Bodybuilding-Zeitschriften wie die „Sportrevue“ oder „die Flex“ noch nicht vom Internet überrollt worden waren, wurde dort regelmäßig Joe Weider, der Veranstalter des „Mister Olympia“, also des bedeutendsten Profi-Bodybuilding-Wettbewerbes der Welt, mit seinem Wunsch zitiert, Bodybuilding möge dereinst genauso ein Beruf sein wie andere Profi-Sportarten auch. Illustriert wurden solche Artikel gern mit Fotos, die den Eindruck vermittelten, als schwelgten die Ikonen des Profi-Bodybuildings in Reichtum und Wohlstand. Der 1984 aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland ausgereiste ungekrönte König der ostdeutschen Kulturistik Peter Hensel wurde kurz darauf Finalist beim „Mister Olympia“ und in Bizepspose sitzend in einem chromblitzenden Luxusauto abgelichtet, Jusup Wilkosz, der mit einem dritten Platz beim „Mister Olympia“ bis heute als erfolgreichster deutsche Bodybuilder überhaupt gilt, kündigte seinen Beamtenjob bei der Post und betrieb – so die Legende – erfolgreich ein riesiges Fitnesscenter in Stuttgart.

Später stellte sich heraus, dass Jusup Wilkosz dieses Studio gar nicht gehörte. Man kann die Details in der sehr aufschlussreichen Biografie „Was bleibt“ von Dr. Heiger Ostertag nachlesen. Von Zeitzeugen erfuhr ich, dass selbst dieser deprimierend Bericht noch sehr milde mit der Realität des sogenannten Profi-Bodybuildings umgeht. Als Jugendlicher Fan bei den Sandow-Turnieren im Marianske Lazne habe ich mich immer gefragt, warum die tschechoslowakischen Stars der Kulturistik-Szene, Robert Dantlinger, Alois Pek, Peter Stach und wie sie alle hießen, ihre Aufenthalte bei Welt- und Europameisterschaften im „Westlichen Ausland“ nicht nutzten, um „abzuhauen“, wie man das in der DDR nannte. Ich ahnte schon damals, dass mit den Märchen vom „Bodybuilding als Beruf“ irgendetwas nicht stimmen kann. Heute weiß ich. dass mich mein Eindruck nicht getrogen hat. Als ich nach dem Ende der DDR in der Führungsebene der NABBA gelandet war, hörte ich, dass von den beeindruckend anmutenden Preisgeldern bedeutender Profiwettkämpfe der IFBB oft nicht viel übrig bleibt, wenn man die Ausgaben gegenüberstellt, die für „medizinische Unterstützung“ aufgewendet werden. Auch das kann man nachlesen – in der „Spiegel“-Ausgabe beispielsweise, die nach dem Doping-Tod des 31-jährigen IFBB-Profi-Bodybuilders Andreas Münzer seinen Medikamentenkonsum und die Kosten dafür gut recherchiert darlegte. Schönen Gruß also an alle, die mich wegen dieses Artikels anzeigen wollen – ich bin bestens vorbereitet…

Natürlich wird mit Bodybuilding Geld verdient – reichlich sogar! Aber dieses Geld landet mit Sicherheit nicht bei den Teilnehmern irgendwelcher sogenannter Profi-Wettbewerbe, sondern in den Taschen derer, die diese Wettbewerbe veranstalten und dort alles Mögliche verkaufen – Nahrungsergänzungsmittel, Trainingsklamotten, Betreuungsangebote für die Wettkampfvorbereitung usw. – um mal nur die ganz legalen Angebote zu nennen. Illegal spielt sich noch viel mehr ab – mir selbst wurde einst das Angebot unterbreitet, in Deutschland einen illegalen Handel mit Wachstumshormon aufzuziehen. Die Anzeige, die ich damals erstattete, ist aktenkundig.

Sollte all das nun als aggressive Anklageschrift gegen das Bodybuilding verstanden werden? Ganz sicher nicht! Es ist allenfalls eine Anklageschrift gegen all die, welche diesen Sport missbrauchen, um die Naivität und Begeisterungsfähigkeit junger, unerfahrener Menschen auszubeuten, aber nicht gegen Bodybuilding an sich! Wir behaupten auch nicht, dass man mit Bodybuilding kein Geld verdienen könnte. Das kann man sicherlich – nebenbei! Man kann mit „Preisgeldern“ Reisekosten zu Wettkämpfen finanzieen, man kann nebenher Trainerstunden geben, Bücher schreiben (falls sich jemand findet, der sie kauft…), man kann ein Sportstudio eröffnen oder, wie ich, Bodybuilding zum Gegenstand eigener wissenschaftlicher Ambitionen machen – aber das hat nichts mit „Profi-Bodybuilding“ zu tun! Sonja und ich üben „bürgerliche Vollzeitjobs“ aus , weil wir das für vernünftig und notwendig halten, genauso wie Tausende anderer Amateur-Bodybuilder auch. Wer aber meint, dass Arbeit“ nur etwas für „Looser“ sei und die „Krone des Bodybuildings“ im „Profi-Bodybuilding“ zu sehen sei – der soll sich nicht wundern, wenn er irgendwann vor dem Nichts steht. Die Bodybuilding-Welt ist voll von solchen tragischen Helden.

Sonja Fiala

Sonja Fiala

Österreichs älteste, aktive Bodybuilderin

Hinterlasse einen Kommentar